Ein Grab, das uns alle angeht
Am 5.6.1945 wurde Pfarrer Anton Rührich aus Gießhübel von Tschechen abgeführt und am 16.6.1945 im Peklotal bei Neustadt an der Mettau erschossen, auf einem Feld verscharrt und erst 1947 auf dem Friedhof in Slavonov bestattet.


Dazu ein Auszug aus einem Brief aus dem Jahre 1991:
"Mitte der sechziger Jahre, als ich jedes Jahr mit meinen Eltern in Gießhübel war, suchte ich das Grab unseres Pfarrers Anton Rührich in Slavonov und fand es auch. Niemand wollte damals so recht etwas damit zu tun haben, wohl aus Angst. Die Pfarrköchin von Slavon hatte es immer in Ordnung gehalten, doch sie war zum Zeitpunkt meines Besuches schon sehr alt und konnte nicht mehr. So brachten wir es in Ordnung, und mein Vater machte aus einer Birke aus Gießhübel ein kleines Kreuz.
Grab
von Pfarrer Anton Rührich
Bei diesen Arbeiten kam ein älterer, tschechischer Herr dazu und erzählte von dem Grab. Er berichtete u.a. auch, dass man den Leichnam nicht durch das Friedhofstor hatte tragen dürfen und er über die Mauer gehoben werden musste, da, wo er jetzt begraben ist.
Das alles hat mich sehr bewegt, und ich sah auch, dass sich niemand weiter um das Grab kümmern würde. Beim Anblick dieses Erdhügels stand fest: Ich muss dafür sorgen! Aber wenn ich nur einmal im Jahr da sein würde?
Beim Verlassen des Friedhofs begleitete mich dieser Mann und sah an dem Auto, dass wir aus Westdeutschland sind. Er fragte gleich, ob ich ihm nicht Herzspritzen besorgen könne, die er dringend für sich selbst brauche, und er wolle gut bezahlen. Solche und ähnliche Wünsche wurden mir jedoch täglich angetragen, und ich hatte eigentlich kein Ohr dafür. Dann wollte er mir Gold geben – und plötzlich kam mir die Eingebung: Er könnte das Grab pflegen! Er sagte, er heiße Josef Dusil und sei Bäcker in Neu Hradek und besuche jede Woche das Grab seiner Mutter in Slavon. Wir waren uns gleich einig, dass er alle Unkosten von mir in Tuxeskronen ersetzt bekommen und für die Arbeit die Spritzen erhalten solle. Ein paar Tage später konnte man schon neu gepflanzte Blumen auf dem Grab sehen.
So blieben wir bis vor zwei Jahren in Verbindung, wo ich plötzlich seine Todesanzeige bekam. Er hat sich also die ganzen 18 Jahre wirklich vorbildlich um das Grab gekümmert. Unser Birkenkreuz faulte immer mehr in die Erde, und er sorgte für ein neues, später auch für eine Einfassung. Die Rechnung habe ich immer sehr großzügig mit Tuxeskronen an ihn beglichen und zu Weihnachten gab es immer ein großes Alimexpaket. Er hat immer wieder Fotos geschickt, die zeigten, wie er das Grab instand hielt. Ich habe Herrn Dusil bei meinem letzten Besuch 1969 das letzte Mal persönlich besucht und dann nur noch bis zu seinem Tode mit ihm in Briefkontakt gestanden. Denn ich war bis jetzt nicht mehr in der Heimat. Jemand hatte mich gewarnt, zu kommen, da meine verschiedenen Aktivitäten mich in Ungnade gebracht hatten. Man drohte, mich als unerwünschte Person sofort wieder auszuweisen."